ZU BESUCH IN DER KAFFEERÖSTEREI SYLT

Du gehörst zu denjenigen, die morgens erst nach einer Tasse Kaffee in die Gänge kommen? Dann habe ich etwas für Dich. Nein, heute keine bezahlte Dauerwerbesendung, sondern einen Geheimtipp sozusagen! Für den nächsten Sylt-Besuch in entschleunigter Gemütlichkeit! Und dann habe ich auch gleich eine prima Idee für ein Mitbringsel jenseits der üblichen China-Souvenirs. Es geht hier und heute um frisch gerösteten Inselkaffee – und dass, obwohl ich ja zu denen gehöre, die mit der heissen braunen Brühe so gar nichts anfangen können. 

Kaffee ist für mich nur ein bitteres Getränk mit saurem Nachgeschmack – das kannste gerne für Dich behalten, ich brauche es nicht! Die anregende Wirkung von Koffein weiß ich aber durchaus zu schätzen! Habe ich mal Schmerzkopf oder muss abends noch fahren oder lange durchhalten, hilft mir eine Coca-Cola (light oder zero jaja, es ist purer Industriemüll, aber besser als ein Autounfall) oder eine Koffeintablette.

Klar trinke ich auch mal einen Cappuccino (nur in bester Gesellschaft) oder einen Latte Macchiato (also Frühstückersatz) und nach gutem Essen einen Espresso – aber so einfachen Filterkaffe pur? Also schwarz? Schon alleine bei dem Gedanken bekomme ich Sodbrennen. Habe ich eine Einladung von Leuten, die das nicht wissen und mir Kaffee hinstellen, frage ich nach Milch und Honig und verfremde den Kaffeegeschmack dermaßen, dass ich die Tasse anstandshalber leeren kann.

Soviel zum Vorgeplänkel, jetzt zu der Story:

WIE ICH AUF SYLT ZUM KAFFEETRINKER WURDE

Ich erkundete die Insel in meinem Rhythmus, besuchte Hot-Spots und ruhige Ecken, ließ mich treiben, wohin der Wind mich trug und folge auch einfach mal einem Wegweiser. Einer zeigte zur Sylter Quelle. Da ich mehr Wasser als alles andere trinke, fuhr ich den Schildern nach und fand mich am Hafen von Rantum wieder. Es wurde dunkel, die Temperaturen lagen um den Gefrierpunkt, mein Handy hatte mich schon wieder verlassen und so blieben die schönen Fotos vom Watt zur blauen Stunde ungeknipst.
Ich träumte von einem Hafenkiosk mit frischem Räucherfisch, denn aus den Augenwinkeln hatte ich so ein Schild wahrgenommen, fand aber nur einen Sansibar-Devotionalienladen mit gleichnamigem Outlet eine Tür weiter. Das war alles, was noch offen hatte. Bei 50% Nachlass kann man ja mal gucken, auch wenn man nix braucht – ich habe 3 Sachen anprobiert (darunter eine pinke Strickmütze aus Kaschmir) und ließ dann aber standhaft alles im Laden. Laufe ich wirklich mit den gekreuzten Klingen durch Berlin, Hamburg oder Paris, wenn mein „Sylt-Ding“ vorbei ist? So kaufte ich wenigstens eine Magnum Pulle Sansibar Prosecco für die Leute in meiner Sippe, die keinen Champagner mögen *ggg* . Die durchaus sehenswerte Flasche, die zu Weihnachten geleert wurde, fand auch noch einen Abnehmer!

Ich lief weiter um die nächste Ecke und sah ein Fahrrad – und knipste es für Christiane, die in ihrer radelbunten Rubrik Räder von überall einsammelt. Dann las ich, was das Rad bewarb und entdeckte eine Kaffeebohne, in deren Mitte die Sylter Insel-Silhouette versteckt war. Eine wirklich schöne Reklame für ein Café – aber STOPP – es warb nicht nur für ein Café, es war Reklame für eine Kaffeerösterei! Röstkaffeegeruch mag ich gerne und ganze Kaffeebohnen knabbere ich auch hin und wieder – ohne Schokolade drumherum.

Also folgte ich dem Pfeil und landete in der Rösterei von Christian Appel und erfuhr, dass am nächsten Tag gegen 11:00 Uhr wieder Kaffee geröstet wird. So beschloss ich, mir das anzusehen. Ich liebe es, zu lernen und zu verstehen, wie Dinge hergestellt werden und ich war schon oft dabei und durfte zugucken. Bei Spitzenklöpplerinnen, Korbflechtern, Bürstenmachern, Glasbläsern, Löffelschnitzern, in Porzellanmanufakturen oder bei Porzellanmalern, Krawattennähern, Tücherfärbern, Parfümeuren, Winzern und bei einem legendären Grappahersteller

Warum also nicht mal zuschauen, wie aus den grünen Bohnen braune werden. Und so lernte ich Christian kennen, der lange beim Fernsehen gearbeitet hat und seit Mai 2016 auf der Insel seine Kaffeerösterei mit einem Café betreibt. In einer alten Lagerhalle, aber vergiss alle Assoziationen die Dir dabei kommen – davon siehst Du nichts mehr. Hier wurde richtig Geld in den Hand genommen vom Boden bis zur Decke alles chic eingerichtet. Grob gemasertes Holz, dunkles Metall und der Hingucker im Raum – der Trommelröster.

EINE WASCHMASCHINE MIT GASBRENNER

So hat uns der Röster sein Gerät vereinfacht beschrieben – aber genau dieser Trommelröster macht den Unterschied. Das lernte ich beim Röstvorgang, den Christian Schritt für Schritt vorführte und beschrieb. Er ließ uns gucken, riechen und kosten – immer wieder zog er den Probenentnehmer aus dem Gerät und wir sahen zu, wie sich Farbe und Größe der Bohnen änderten, wir hörten es deutlich knistern, als beim „first crack“ die Silberhäutchen von den Bohnen sprangen, weil die Bohne die Oberfläche vergrößerte und aufplatzte. Und wir rochen die verschiedenen Röstgrade, verschiedenen Aromen, wie sich der anfängliche, fast heuartige Duft über eine recht süßliche Phase immer mehr hin zu dem Endergebnis hin entwickelte.

Mich hat der ganze Vorgang begeistert. Es ist alles so ursprünglich, wie „früher“ – alles ist sehr viel schonender, achtsamer und natürlich mit viel mehr Handarbeit verbunden und mit kleinen Mengen zu höheren Preisen. Das ist normal! Der Rohkaffe wird traditionell in 80 l Jutesäcken angeliefert, es gibt noch nichts besseres, für den langen Transport aus Brasilien, Äthiopien, Indonesien oder Guatemala. Ausser für die Großröster – da kommen die Bohnen als lose Schüttware in den Container. 

 Aus den Kaffeesäcken werden Jutebeutel – nicht nur für Ökos!
Jeder Kaffee hat andere Qualitäten und Aromen. Da jeder Kaffeebaum woanders steht, auf anderer Erde, in anderem Klima. Bei Bohnen aus Afrika kann man noch am ehesten die Frucht herausschmecken, die die Bohne mal umgab, ähnlich wie bei einer Kirsche, zu deren Gattung die Kaffeepflanze gehört. Aus Guatemala kommen Kaffees, die nach der Röstung deutliche Schokoaromen bilden. Und so weiter, ich könnte noch viel mehr erzählen, denn während der Röstmeister redete, schrieb ich fleissig mit.
Wusstest Du, dass es noch heute eine Steuer auf Röstkaffee gibt? Sie beträgt 2,19 € pro kg und alle Kaffeeröster (auch die Big-Player) müssen sie an unseren Vater Staat abführen, wenn sie in Deutschland rösten 😉 Kosten also 500 g Kaffeepulver beim Discounter 3,99 €, dann frage ich mich wie das geht. Sicher so, wie bei Weinen für 2,99 € wenn ich von Winzern weiss, dass der Korken schon 1,00 € kostet, dazu kommen noch Flasche, Etikett und Versand und dann ist auch noch etwas in der Flasche drin. Nur was, weiss ich nicht, denn ich habe es noch nicht probiert.

Neuerdings setzt man dem Kaffee ja auch gerne etwa zu – um ihn zu aromatisieren. *pah* wozu das denn? Ich habe in dieser Rösterei so viele verschiedene Aromen in der Nase und im Mund gehabt, da brauche ich keine künstlichen mehr dazu. Adieu Nespresso Weihnachtsedition „Linzer Torte“ – ich bin echt auf den natürlichen Geschmack gekommen!

15 kg Rohkaffee werden in einem Durchgang geröstet. Erst getrocknet, dann mindestens 16 min lang bei ca. 200 °C geröstet und danach langsam und schonend abgekühlt. Damit die Bohnen nicht schwitzen.

Bei diesem rührenden Vorgang schaut sich Christian die Bohnen an, sammelt auch mal ein Steinchen heraus oder eine minikleine verbrutzelte schwarze Bohne. Dann kommt die Charge in eine Blechtonne, deren Deckel nur aufgelegt wird, damit die Bohnen noch weiteratmen können. 

Geröstet wird hier nur bei Bedarf, wenn die Vorräte sich dem Ende neigen. Das könnte zukünftig immer häufiger der Fall sein, denn es gibt jetzt einen Onlineshop. Als Service für die Leute, die seine Kreationen probiert haben und nun keinen anderen Kaffee mehr mögen, aber nicht für jeden Einkauf nach Sylt fahren möchten.

Probiert habe ich FREYA – eine für mich angenehm milde, aber vollmundige Sorte mit extrem langem Abgang. Klingt wie beim Wein? Das ist richtig. Es gibt sehr viele Parallelen. Die Liebe zum Ausgangsprodukt, die Kenntnisse zur Verarbeitung, die Sortenvielfalt und der Genuss. Und die Tatsache, dass es sone und solche Kaffees und Weine gibt.

Mir waren die Unterschiede des Röstvorganges bisher nicht klar, in kurzen Fakten wird es jedem deutlich:
Urgroßmutter:
röstete ein paar Bohnen in der Bratpfanne auf dem Holz- oder Kohleofen und nahm dann die Kaffeemühle zur Hand
Kaffeerösterei Sylt:
15 kg
16 min
200 ° C
danach langsame Abkühlung auf Zimmertemperatur
matte, glatte Oberfläche
aufgebrochene Bohnenschale ist durchgängig röstbraun, gut durchgeröstet
Ergebnis:
aromenreicher, säurearmer Kaffee, der weder Zucker noch Milch braucht
Verkauf in Tüten mit ganzen Bohnen mit Einwegventil – von aussen kommt nichts herein, von innen können die Bohnen noch weiter ausgasen

Großröster:
sie rösten tonnenweise Bohnen sehr schnell
90 Sekunden lang bei 
400° C 
natürliches Fett tritt aus, deshalb glänzend die Bohnen schön,
verkleben aber auch die Mahlwerke der Mühlen
aufgebrochene Bohnenschale ist nicht durchgängig röstbraun, sondern hat oft eine helle Innenseite
Vakuumverpackung im 500 g Ziegel, meistens schon gemahlen.

DER GESCHMACK MACHT DEN UNTERSCHIED

Der Kleinröster kümmert sich vornehmlich um das Wohl der Bohne und wie er maximalen Geschmack aus ihr herauskitzelt, der Großröster kümmert sich um maximalen Profit und um sein riesiges Werbebudget. Und ich musste erst Ü50 werden, um zu lernen, wie gut Kaffee schmecken kann. Denn natürlich habe ich auch eine Tasse genossen!

Die Aromen entfalten sich erst nach dem Rösten, beim Mahlen der Bohnen und beim Brühvorgang. Im Café bekommst Du auf Wunsch Deinen Kaffee handgefiltert. Das kennst Du von Oma? Dachte ich auch, aber es ist leider etwas in Vergessenheit geraten:

  • Porzellanfilter auf die Tasse stellen und mit Filtertüte bestücken
  • Filtertüte mit sehr heissem Wasser benetzen – das spült den Papierstaub der industriell hergestellten Filtertüten aus den Poren und öffnet diese und das Wasser wärmt die Tasse vor
  • möglichst frisch gemahlenes Kaffeepulver einfüllen: 12 – 14 g / Tasse
  • Wasser mit einer Temperatur von 92 – 95°C aufgiessen, bis nur das Pulver bedeckt ist – Faustformel 2 x soviel Wasser wie Kaffeepulver
  • Jetzt kommt der Punkt ENTSCHLEUNIGUNG: das Pulver schön quellen lassen, es vergrößert sein Volumen, der Duft steigt nach oben, die Speicheldrüsen beginnen ihre Arbeit (auch jetzt, während ich das schreibe und mir den Vorgang bildlich vorstelle) 
  • nach
    ein paar Sekunden (ich denke es waren 22 -30)  wird Wasser aus einer
    Kanne mit einer recht schmalen Tülle schwallweise und in kreisenden
    Bewegungen über dem Pulver verteilt, bis die Tasse voll ist.  
    So mag ich plötzlich auch Kaffee – ich bin auf Sylt auf den Geschmack gekommen! 
      Ein paar Tage später fuhr ich gleich nochmal in die Kaffeerösterei und kaufe dort sinnvolle  Weihnachtsgeschenke für die Kaffeetanten unter meinen Lieben. 
       Die Bilder für mein FITBIT Gewinnspiel sind in der Kafeerösterei entstanden
      Und wenn Dir jetzt beim Lesen Dein Kaffee kalt geworden ist und Du ihn nicht mehr trinken magst, weil er noch saurer schmeckt, dann probiere mal schonend gerösteten Kaffee von der kleinen Rösterei in Deiner Nähe. Die gibt es garantiert. Frag‘ mal nach bei der Suchmaschine Deiner Wahl! Und bei denen schmeckt sogar kalter Kaffee, ich habe es ausprobiert!