Ü50-uefuffzich

SYLT im Dezember – welches Outfit passt in die Sansibar?

NEUES LEBEN FÜR ALTE SEGEL

Ja, man sieht sie nicht nur am Strand in Höhe der Sansibar, die Damen mit den DIOR Brillen, CHANEL Taschen und GUCCI Clocks. Auf dieser Insel siehst Du überall einfach alles. Sylt als Zerrspiegel der Gesellschaft. Es gibt den Naturburschen neben dem Promi, den ehemaligen Star neben einer falschen blonden Schönheit, den Wandervogel neben dem Kurgast, die Silberlöckchen neben den  Bloggerkids, den Schneckenstecher neben der Fitnessmaus und daneben die frisch gelaserte Ü50 Frau. Viele Münchener, Hamburger und Berliner sind da und sehr viel lauter Ruhrpott, dazu einiges aus dem Badischen – auch sehr laut und am l’accent leicht zu erkennen.
Es ist früher Nachmittag. Ich bin in diesem Jahr das erste Mal alleine hier, die Kultbar ist gut besucht. Sehen und gesehen werden, drinnen und draussen. Ich lausche den Gesprächsfetzen á la: mein Auto, meine Frau, ihre Handtasche. Was noch – ach ja, die Arbeit, so man überhaupt noch eine nötig hat. Ich höre mich amüsiert und bestens unterhalten weiter um.

Eine Dame aus Freiburg ist in meinem Alter und erzählt lauthals von sich: sie als Postbeamtin hat sich ihre Pensionsansprüche nämlich schon ganz genau ausgerechnet. Ihre Gesprächspartnerin ist eine stabile Frau aus Herne, gut 10 Jahre jünger und trägt rosa PVC zur hellgrauen Denim-Röhre, die an einigen Stellen schlimm ins Beinfleisch einschneidet.  Die Gute sucht nun gerade eine Bezeichnung für ihren Job. 
„Ich arbeite in der Schule“
Darauf die Frau von der Post: „Welche Fächer?“
„In der Reinigung und Hausmeistervertretung“

Eine andere Frau schwärmt von ihrer Tochter: „Anastasia (Anmerkung der Redaktion: kein Scherz) lernt im Gitarrenunterricht gerade STILLE NACHT“ und alle am Tisch müssen jetzt das WhatsApp Filmchen bewundern – inklusive plärrendem Ton, natürlich auch für alle Nachbartische. Unfreiwillig hört man die krampfhaften Versuche an der Klampfe. Ich bin froh, als es vorbei ist.

Weghören ist nämlich nicht. Ich versuche es trotzdem, so gut es geht. Am anderen Tisch geht es um Michael Schumacher und Angela Merkel. Beides auch sehr tragisch – ich zahle meinen Tee und will lieber wieder runter zum Strand. Muscheln suchen, Möwen scheuchen, Wellen knipsen. Die schönsten Fotos zu Instagram schicken, mich über die Herzchen und Kommentare freuen.

Ich greife nach meiner Jacke, sie ist ein bunter Exot unter den Parajumpers, Airfield, Peuterey, Napapijri, Moncler und Woolrich Sachen hier. Etwas Wellenstein und Wolfskin hängt da auch noch. Alles in grün, dunkelblau, schokobraun oder schwarz. Und fast immer mit einem Pelzrand an der Kapuze. Sinnlos, aber immer wieder chic – also in meinem Augen. Und ich? Ich trage gerade mein zweites Segel-Leben.

Ines meint, diese Jacken aus alten Segeln seien ihr auf Sylt immer zu teuer gewesen. Ich denke an die Herkunft meiner und dann daran, dass zu Ines keine Second-Hand-Sachen passen. Sie ist da hanseatischer als ich. Ich wusste nicht einmal, dass die MORE WIND Jacken richtig „Marke“ sind und 400 € kosten.
Unten am Strand fiel mir auch die WhatsApp Sprachnachricht von meiner besten Henne ein, die meinte: „In Deinen Sylt Wochen könntest Du ja mal endlich anfangen, Deine Memoiren zu schreiben, Du weisst, dass ich darauf warte!“
Ja, weiss ich, könnte auch spannend werden, für 7 – 22 oder 46 Leute, aber sonst? Wer will denn noch Ossi Geschichten so elend lang am Stück lesen? Mein Leben nach der Wende ist viel aufgeregter. Und mal hier und da ein Anekdötchen, das mag in meinem Blog noch wohlwollend lächelnd aufgenommen werden. Ich will es aber nicht übertreiben, schmücke nur weiterhin meine Outfitbeträge gerne mit kleinen Storys aus.

Also los und zurück zur Jacke. Es war einmal im Taschenforum, dass ein Taschenmädel mit Inselzweitwohnsitz den eBay Account ihrer Rich-Girl-Schwägerin bewarb und ich  – neugierig wie ich bin – dem Link folgte und eine Jacke aus alten Segeln sah. Nun bin ich ja die Tochter vom Seewolf und bei ihm auch immer mal wieder mit an Bord, da macht sich so eine wind- und fast wasserdichte Jacke ganz gut. Die Farben passten auch, die Größe war mit S angegeben, aber es wurde vermerkt, dass sie sehr üppig sei. Letztendlich gab die Idee der wiederverwendeten Segel den Ausschlag dafür, dass ich mitbot und die Segeljacke für 53,00 € inkl. Versand den Weg zu mir fand. Das ist jetzt 7 oder 8 Jahre her.

Ich fand sie erst richtig toll und trug sie immer, nicht nur an der Küste, sondern auch im Vorort und auf dem Rad. Irgendwann nervte mich der laut klappernde Reissverschlussanhänger und so hing sie ewig und fast vergessen im Schrank. Einmal wollte ich sie schon interfamiliär weiterreichen. Besann mich dann aber aus irgendeinem Grund und dachte bei mir: „Die hängt hier gut und frisst kein Brot, die kannste sicher nochmal brauchen!“

SYLT – Insel der Gelegenheiten

Nun trage ich sie fast täglich über die Insel. Innen wärmendes Fleece, aussen gebrauchtes Segeltuch. Also nicht das alte gute Canvas, sondern modernes Dacron Kunststoffsegel von DuPont – dafür schön himmelblau. Oder Wasserfarben – wenn man sich auf die Malediven träumt. Aber da braucht keiner so eine Jacke!

Ich mag die üppige Kapuze, unter die auch meine großen Kopfhörer passen, den praktischen fetten Reißverschluss und die großen Zipper, die auch mit klammen oder behandschuhten Händen zu greifen sind. Das Geklapper stört mich bei der Meermusik hier auch nicht mehr! Und ich mag die vielen Taschen innen und aussen, die starke Klettverschlüsse haben auf dem Heimweg voller Muscheln sind. Der Metallring als Aufhänger und das Flautenbändsel sind weitere lustige Details.

Allerdings würde ich im  Laden wohl keine 400,00 € für so eine Jacke ausgeben, nicht mal, wenn sie nagelneu ist. Obwohl – der Gedanke, das gute Stück mit der Lieblingszahl oder einer bestimmten Buchstabenkombination personalisieren zu lassen hat durchaus seinen vollen Reiz. Auf sowas stehe ich ja bekanntermaßen mehr als auf gelebte und derzeit arg strapazierte Nachhaltigkeit.

Lustiges Gimmick: rotes Flautenbändsel am Ärmel

In Ermangelung eines tauglichen Fotografen, habe ich mich für die ersten Fotos mit dem gelben Hoodie und blauer Weste schnell meiner Jacke entledigt und gleich am Strand von Westerland die Fotos gemacht. Mein Handy hat ja auch eine Selbstauslöserfunktion. Am Wochenende bekam ich dann Besuch und weil das Wetter wieder schön war, gibt es noch ein paar windige Fotos mehr.